Lindenbäumchen

Der Baum denkt

Zur Einweihung des prämierten Regionalparkprojekts „Lindebeemsche“ des Frankfurter Künstlerteams Winter/Hoerbelt am Samstag, 7. Oktober 2017 um 15:00 Uhr, las Saskia Hennig von Lange die erste Episode ihrer Geschichten aus Sicht der über 400 Jahre alten Mittelstedter Gerichtslinde.

Aufbau der Vitrine des Frankfurter Künstlerteams Winter/Hoerbelt durch die Metallmanufaktur Velte (Foto: Anja Littig)

Saskia Hennig von Lange erzählt aus der langen Lebenszeit des Baumes. Er erinnert sich an Gerichtsverhandlungen, Liebesschwüre, Kinderspiele, Missernten… Der Baum wird dabei als eigenständiges Wesen gesetzt, das empfinden, hören, wahrnehmen und in menschlichen Begriffen denken kann.

Die Gerichtslinde im Jahr 1968 (Foto: Manfred Dittmann)

Der Text wird über die zweijährige Dauer des Projekts immer weiter geschrieben und verändert sich dabei natürlich. Die erzählten Geschichten können einen realen Hintergrund im kollektiven Gedächtnis des Ortes haben, genauso ist es aber möglich, dass sie frei erfunden sind oder sich auf bereits bestehende Natur-Dichtungen beziehen oder diese zitieren. Die einzelnen Geschichten wechseln mit dem Wechsel der Jahreszeiten und werden viermal im Jahr von der Autorin selbst vorgetragen. Hennig von Lange möchte bei diesen Lesungen mit den Oberurselern ins Gespräch kommen und sich deren eigene, mit der Linde verbundenen Geschichten erzählen lassen, die dann wiederum Eingang in den sich immer weiter schreibenden Text finden können. Gerne können auch Fotos oder Zeichnungen zur Veranstaltung mitgebracht werden. Außerdem liegt ein Gästebuch aus.

Ziel ist es, ein textliches Gewebe aus realen und erfundenen Geschichten und Ereignissen zu erschaffen, das seinerseits (durch den regelmäßigen) Vortrag wieder in die mündliche Geschichte des Ortes übergehen kann.

Die Gerichtslinde im Jahr 1938 (Foto: Fröhlich)


Der Baum denkt

Auszüge aus der ersten Episode

Ich stehe hier sicher und fest. Ich habe noch ein paar Äste, durch die der Wind fahren kann und das fühle ich auch. Einige Blätter sind auch dieses Jahr noch da und ich lasse sie jetzt fallen, wie ich das schon immer getan habe. Und noch immer bin ich ein Unterschlupf für Vögel und andere Tiere. Es kann sich nach wie vor jemand verstecken in mir und seine Geheimnisse bei mir lassen. Es kann sich jemand an meinen trockenen Stamm lehnen. Etwas in meine Rinde ritzen, das fühle ich, aber das tut mir nicht mehr weh. Und das passiert sogar ab und an, das passiert seit hunderten von Jahren und das geschieht jetzt auch noch. Ich stehe hier schon lange genug. Ich konnte mir ein paar Begriffe von den menschlichen Dingen machen. Und wenn sich jemand Zeit nimmt und ein bisschen bei mir stehen bleibt, wenn der genau hinhört, dann habe ich ihm ein paar Dinge zu erzählen. So, wie ich sie ihr damals erzählte.

Die Gerichtslinde im Jahr 2017 (Foto: Littig)

Einmal, die Kinder spielten in meinem Schatten Nachlaufen, dröhnte die Stimme eines Mannes weit über das Feld. Ich hatte diese Stimme schon ein paar Mal gehört, in diesem Sommer und auch im Jahr davor. Sie gehörte irgendwie zu dem Mädchen. War das Mädchen da, dann kam auch bald die Stimme und holte sie weg. Und auch jetzt war es so, dass diese Stimme nach dem Mädchen suchte. Die anderen Kinder liefen schnell davon, ganz leise, kein Geschrei und Gejohle diesmal. Nur das Rennen auf dem Feldweg und das schnelle Atmen der Kinder. Ein unterdrückter Schrei, ein Kichern, die Hand vor dem Mund. Dazwischen die harte Stimme des Mannes, sie kam näher, wurde immer lauter, drohte und fluchte. Und plötzlich war da ihr warmer Körper und wie er sich an mich presste. Ein Paar kleine Hände, wie sie einen der unteren Äste umfassten und Füße, die sich gegen meinen Stamm drückten. Das Mädchen kletterte immer höher und höher, weit in meine Krone hinein, die damals noch dicht und grün war, denn das ist schon lange her. Ich half ihr, so gut ich konnte, schob sie sacht vorwärts und schloss meine Blätter eng um sie. Unten der Mann schrie und schrie, aber er wagte sich nicht hinauf in mein dichtes Grün. Irgendwann gab er auf und ging, fluchend und schimpfend. Das Mädchen aber blieb. Und es blieb die ganze Nacht.

Die Gerichtslinde und ihre jüngere Schwester im Jahr 2017 (Foto: Littig)

„Gut“, ihre Stimme klang immer noch tiefer und ein bisschen rau, etwas hatte sich verändert, „dann erzähl mir jetzt die ganze Geschichte.“ Das musste ich wohl tun, denn dieses Mädchen bedeutete mir etwas, das wusste ich damals schon. Und diesmal sollte es anders sein. Diesmal sollte die Geschichte gut ausgehen. Ich raffte mich also auf. „Ein paar Wochen später, der Schäfer und auch die Schafe hatten sich beruhigt, das spürte ich und das lag auch daran, dass er nun nicht mehr alleine hier war, sondern dass immer noch ein, zwei andere Männer bei ihm waren, kamen die Angreifer zurück. Sie waren wieder gut ausgerüstet, aber sie hatten nicht mit Gegenwehr gerechnet. Es kam zu einer heftigen Schlägerei. Diesmal hatten sie es besonders auf den Schäfer abgesehen. Sie zerrten ihn hier unter mich und wollten ihn wohl wieder fesseln, aber er wehrte sich mit Händen und Füßen. Sie schlugen und traten auf ihn ein und plötzlich hatte jemand ein Messer in der Hand und rammte es ihm in die Brust.“ Ich schwieg lange. „Er lag hier, unter mir, als er starb.“ Sie war nach unten gesprungen und saß jetzt an genau der Stelle, an der damals der Schäfer gelegen hatte. Ich hätte gern eine kleine Pause gemacht, aber ich wusste, ich musste das jetzt zu Ende bringen. „Sie hatten auch drei seiner Schafe erstochen und sie hier herüber geschleift. Er starb zwischen seinen Schafen. Alles war voller Blut.“ Sie hatte sich hingelegt und die Arme ausgebreitet, sie schaute zu mir nach oben. „Es ging noch lange hin und her bis sie die Weiden endgültig aufteilten. Aber so schlimm wie an diesem Abend wurde es nie mehr.“ Sie war aufgestanden und lehnte an meinem Stamm. „Und Du hast ihm nicht geholfen.“ „Nein, das habe ich nicht. Und das tut mir sehr leid.“ Lange schwieg sie, dann sagte sie: „Ich kann Dich verstehen. Manchmal steht man dabei, wenn etwas Schlimmes passiert und man weiß schon, dass es schlimm ist und man tut trotzdem nichts. Und dann liegt man hinterher im Bett und kann es sich nicht verziehen.“ Sie war ein paar Schritte von mir weggegangen. „Heute Nacht bleibe ich nicht hier, heute Nacht schlafe ich Zuhause.“ Das verstand ich gut und doch wollte ich noch etwas sagen, etwas von ihr wissen. „Menschen haben doch Namen, das weiß ich, sie geben allem Namen, auch mir. Und auch Du hast sicher einen.“ „Ja“, sagte sie, „ich heiße Marie.“ Damit drehte sie sich um und ging fort, aber ich war sicher, sie würde wiederkommen.


Der Baum denkt

Auszüge aus der zweiten Episode

Der Winter war stürmisch und ich hatte es mir angewöhnt, jedes Mal ihren Namen zu rufen, wenn die Böen durch meine Äste fuhren. Ganz leise, nur so laut, dass ich selbst es hören konnte. Sonst war ja auch niemand da. Aber eines Tages kam sie doch. Es war schon fast dunkel und ich hörte ihre Schritte im Schnee. Sie ging langsam, sie kam direkt auf mich zu und legte ihre kleine, warme Hand auf meine Rinde. Sie fuhr sachte darüber. Sie sagte nichts, aber ich wusste, dass sie es war. Wir schwiegen beide eine Weile, ich wusste nicht recht, wie anfangen und es war ja auch schon so lange her, dass ich in Menschensprache gesprochen hatte. Ich musste mich erst wieder darauf besinnen. Schließlich sagte ich: „Du warst lange fort.“ „Ja“, antwortete sie, „es gab viel zu tun Zuhause.“ Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Und ich musste nachdenken. Über dich. Über mich. Über diese Sache mit dem Schäfer.“

Die Gerichtslinde in ihrem neuen Rahmen (Foto: Littig)

Sie hatte sich wieder an mich gelehnt und klopfte mit der flachen Hand ein paar Mal gegen meinen Stamm. „Komm schon, erzähl weiter.“ Also gut. „Nach den ganzen Befragungen schien dem Blutrichter die Sache klar zu sein. Er begann, das Urteil zu verkünden. Und wie ich es schon befürchtet hatte, sollten alle drei gehängt werden. Das konnte ich nicht zulassen. Und so nahm ich meine Kräfte zusammen und bündelte sie in diesem Ast, auf dem du jetzt sitzt und der damals zwar auch schon stark, aber noch jung und biegsam war und ließ ihn auf die versammelte Gerichtsbarkeit niedersausen.“ Sie hielt den Atem an und rückte noch etwas näher an den Stamm heran. „Und dann, was passierte dann?“ Sie stockte. „War der Richter tot?“ „Nein, ich hatte niemanden getroffen, der Ast war genau zwischen dem Richter und den drei Angeklagten auf den Boden geschnellt. Ein Raunen ging durch die Zuschauerreihen. Die Leute wussten schon, dass dies etwas zu bedeuten hatte und dass der Richter ein solches Eingreifen der Natur nicht einfach übergehen konnte. Mich packte der Übermut und ich schlug noch einmal zu. Die Leute verstummten und ich ließ meinen Ast ein drittes Mal auf den Boden sausen. Alles war still, niemand rührte sich. Der Wind fuhr durch mich hindurch und ich stand da, wie zuvor. Bis die dünne Stimme einer alten Frau ertönte: „Gottesurteil“ rief sie, wieder und wieder, nur dieses eine Wort: „Gottesurteil“.

Vor der Lesung (Foto: Littig)

Und irgendwann reichte es mir, ich hatte es selbst nicht voraus gesehen. Eine alte Frau war zu mir gekommen, ein harmloses Mütterchen. Sie hatte mich gefragt, ob ich etwas für das Seelenheil ihres Mannes tun könne. Er war in diesem Herbst gestorben. Ich stand da wie immer, hielt es aus, dass ich es kaum noch aushalten konnte und wartete, bis sie wieder verschwand. Aber etwas war anders. Und als sie nicht aufhörte, immer weiter auf mich einredete, mich schließlich anflehte mit ihrer dünnen Stimme, da ging ein Zittern  durch meine Äste, das nicht vom Wind kam. Und dieses Zittern hörte nicht mehr auf. Es schwoll an, wurde stärker und stärker. Ein mächtiges Beben hatte mich erfasst, ich riss meine Äste empor und schleuderte sie alle zugleich zu Boden, ein Heulen und Stöhnen entfuhr mir und auch das alte Mütterchen hatte jämmerlich zu schreien begonnen. Ich tobte und wütete, die Erde bebte, selbst meine Wurzeln waren in Aufruhr. Es war ein fürchterlicher Kampf, es dauerte einen Tag und eine ganze Nacht. Die gesamte Ortschaft hatte sich um mich versammelt. Aber ich achtete nicht darauf. Ich war völlig aufgegangen in dieser wilden Bewegung, es fühlte sich schrecklich an und schön zugleich und heute denke ich, dass es sich vielleicht so anfühlt, ein Mensch zu sein. Immer diese Unruhe und dass man nicht ablassen kann davon. Doch am Morgen hörte es langsam auf, die Zuckungen wurden weniger und weniger und dann stand ich wieder da wie zuvor, auch wenn ich viele Blätter und Zweige und auch ein paar größere Äste verloren hatte. Ab und an zitterte ich noch und eine meiner Wurzeln war in mein Inneres gerutscht, da sitzt sie heute noch und kitzelt mich und weckt manchmal die Sehnsucht nach einer solchen wilden Bewegung.

Während der Lesung (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der dritten Episode

Der Frühling kam und mit ihm die Tiere. Ich war nicht allein, das war ich nie gewesen, aber sie fehlte mir doch. Und Marie hatte ja auch gesagt, dass sie bald wieder kommen würde. Wo blieb sie also? Ich lauschte nach ihr. Über das Vogelgezwitscher und Rascheln der Tiere hinweg, durch Wind und Regen, wollte ich nur ihre Stimme hören. Die anderen Menschen und Kinder kamen und gingen, ich hörte sie lachen und ihre Lieder singen, doch ich dachte nur an Marie. An ihre kleine Gestalt und wie sie so streng war und klar. An nichts anderes mehr konnte ich denken als an sie. Meine eigene Ungeduld quälte mich mehr als ihr Fortbleiben. Diese Ungeduld saß in mir wie meine verrutschte Wurzel und piekte und kitzelte mich die ganze Zeit. Ich konnte nichts anderes mehr spüren als diese Unruhe und meine Sehnsucht nach Marie. Ich veränderte mich und bemerkte das auch und konnte doch nichts dagegen tun. Und dann kam sie. Als ich schon kaum noch damit rechnete, hörte ich plötzlich ihre schnellen Schritte und ihre raue Stimme zwischen dem Lärmen und dem Geschrei der anderen Kinder. Sie war wieder da und hatte mich nicht vergessen. Die Kinder spielten irgendein wildes Spiel, sie tobten und johlten unter mir, sie kletterten auf mich hinauf, schlugen auf meinen Stamm, banden ein Seil um mich – das alles störte mich nicht, spürte ich doch zwischendurch immer wieder Maries Hand und wie sie über meine Rinde fuhr.

Die Linde im Mai 2018 (Foto: Littig)

Sie konnte gar nicht aufhören zu lachen, aber er war immer noch da. „Natürlich finden wir heute nicht heraus, wer wir sind. Wer weiß das schon? Aber wir könnten einen Anfang machen.“ „Gut“, sagte er und setzte sich wieder hin, die Beine lang im Gras, „dann erzähle“. Ich spürte den leichten Druck bis hinunter zu meinen Wurzeln. Und es drückte auch in meinem Inneren. Denn er war frei. Er konnte entscheiden, ob er bleiben wollte oder gehen. Und er blieb. Jetzt war es an ihr. Sie schwieg lange, immer noch gegen meinen Stamm gelehnt, ihre Finger fuhren sacht über meine Rinde, ich hielt dagegen. Schließlich begann sie: „Ich heiße Marie. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und den Geschwistern in einem kleinen Haus. Wir haben nur ein Zimmer, in dem wir alle schlafen. Ich teile mir das Bett mit meinen beiden Schwestern. Ich bin die Älteste.“

Während der dritten Lesung (Foto: Littig)

Die beiden hatten wieder zu sprechen begonnen. Er klang aufgebracht. Ich hatte wohl etwas verpasst. „Was ist schon besonderes an einem Baum? Schau dich um, wie viele Bäume hier stehen. Da hinten beginnt der Wald.“ Marie schwieg. „Dieser Baum ist sogar ganz besonders langweilig. Alle Liebespaare kommen hierher. Sieh dir seinen Stamm an: Bis hinauf ist er voll mit Herzen und Liebesschwüren. Das soll etwas Besonderes sein?!“ Er war aufgestanden. Was würde Marie jetzt sagen? Einerseits wünschte ich mir, dass sie mich verteidigte, natürlich. Andererseits war das mittlerweile unser Geheimnis. Niemand sonst wusste davon, mit niemandem sonst sprach ich. So sollte das auch bleiben. Marie schwieg noch immer. „Da fällt dir nichts mehr ein, was?“, blaffte er,  „So seid ihr doch alle, hier ein Geheimnis, da ein Gewese und am Ende steckt nichts dahinter. Komm zu mir, wenn Du mir etwas Interessantes zu erzählen hast!“ Ich hörte seine harten Schritte und wie sie sich entfernten. Und ich hörte Maries Atem, er ging schnell, sie hätte sicher gerne etwas erwidert. Doch was hätte sie schon sagen können, ohne uns zu verraten und ohne als Verrückte dazustehen?

Die Gerichtslinde und ihr Rahmen im Frühling 2018 (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der vierten Episode

Der Sommer kam und mit ihm die Hitze. Selbst in den Nächten kühlte es kaum ab. Eine solche Hitze hatte ich in all den Jahren selten erlebt. Der Boden trocknete aus und es wurde immer schwerer, Wasser bis hinauf in meine Krone und in die Spitzen der Blätter zu saugen. Mein Körper verdorrte langsam und ich war vollauf damit beschäftigt, ihn am Leben zu halten. Ich hatte den Eindruck, das Summen, das das Saugen und Ziehen in meinen Adern erzeugte, war weit über die Felder zu hören. Ich ging völlig auf in diesem Summen und Tönen und in dem Bemühen, das Wasser aus immer tieferen Schichten nach oben zu bringen. Immer lauter und lauter wurde es in mir und um mich herum. Als hätte sich dieses Summen und Tönen vollständig von mit abgelöst. Als hätte es mir oder jemand anderem etwas Dringendes zu sagen.

Die Gerichtslinde im Sommer 2018 (Foto: Littig)

Und endlich kam der Regen. Ich hatte ihn erst gehört und dann stürzte er vom Himmel. Es regnete und regnete und ich merkte, wie meine Kraft zurückkehrte. Das Wasser strömte ganz von selbst durch mich hindurch, durch meine Wurzeln und meinen Stamm bis weit hinauf noch in die obersten Äste und Zweige, bin hinein ins das letzte Blättchen. Auch das seltsame Getöse hatte nachgelassen. Da war nur noch das Geräusch des Regens und in mir ein sattes, ruhiges Strömen. Es war Nacht und ich fühlte mich erfrischt und auch das Summen hatte nachgelassen. Und da hörte ich ihre Schritte, ich erkannte sie schon von weitem an den Erschütterungen des immer noch trockenen Bodens. Sie kam schnell auf mich zu. „Ich wollte nur sehen, ob bei Dir alles in Ordnung ist.“

Bei der Lesung der vierten Episode im August 2018 (Foto: Littig)

Die Zeit verging und Marie kam nicht mehr. Als hätte ich sie im Stich gelassen, als wäre ich fortgegangen von ihr. Sie kam nicht und deshalb konnte sie auch nichts von Johanns Botschaft wissen, die noch lange in meiner Rinde brannte. Viel länger und stärker als die anderen Liebesnachrichten. Die Zeit verging und mit ihr der Krieg, das Heulen schwoll an und nahm wieder ab, Bomben fielen, Menschen kamen und gingen, doch niemand blieb länger bei mir. Niemand sprach mit mir und so konnte ich auch zu keinem etwas sagen. Aber was hätte das auch sein können, was wusste ein Baum schon vom Krieg? Der Gedanke an Marie saß fest in mir wie die Buchstaben auf meiner Rinde. Er war immer da, ich konnte nicht mehr von ihm lassen. Hoffentlich ging es ihr gut, hoffentlich geschah ihr nichts in diesem Krieg. Es wurde Herbst und Winter. Und dann kam ein neuer Sommer. Und noch einer. Und ein Frühling. Ich war wieder ganz in meine bäumische Natur zurückgekehrt. Nur der Gedanke an Marie stach und juckte mich. Wie meine verrutschte Wurzel, wie das Mal auf meiner Haut. Jede Begegnung mit ihr hatte eine Spur hinterlassen.

Am Lindenbäumchen im Sommer 2018 (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der fünften Episode

Der Krieg war vorbei und der Sommer auch, über ein Jahr war seit diesem heißen Sommer nun schon vergangen. Es war schon wieder Herbst geworden. Marie kam wieder öfter zu mir, doch es sollte noch eine Weile dauern, bis sie mir die Geschichte dieses seltsamen, traurigen Mannes erzählte, der mich in dem ersten Winter nach dem Krieg fast jeden Abend besucht hatte. Eines Tages war er plötzlich da gewesen, ohne, dass ich ihn kommen gehört hatte, die Hand an meinem Stamm, stand er da. Als müsste er sich von einer großen Anstrengung erholen. Und da war noch etwas, eine Trauer, wie ich sie vorher bei einem Menschen noch nicht gespürt hatte. Aber auch Entschlossenheit. Und obwohl ich mich freute, dass Marie wieder da war, ließ mich der Gedanke an ihn nicht los, immer noch spürte ich, wie seine Hand über meine Rinde strich und auch das Zögern dazwischen, die Pausen, und ich hörte auch noch seinen Atem. Und ich konnte auch seine Worte nicht vergessen, als er dann schließlich doch gesprochen hatte: „Ich würde gerne mit Dir tauschen“, hatte er gesagt, als er das erste Mal zu mir gekommen war, „ich würde gerne hier stehen, an Deiner Stelle, und die Zeit an mir vorüberziehen lassen und alles, was in ihr geschieht.“ Ich hörte seine klare besonnene Stimme noch immer. „Ich wäre lieber kein Mensch mehr“, hatte er gesagt, „ich wüsste lieber nicht, was die Menschen einander antun. Aber ich habe keine Wahl, wie Du auch keine hast. Ich bin ein Mensch und muss deshalb von Menschendingen sprechen.“

Saskia Hennig von Lange bei der Lesung im Oktober 2018 (Foto: Littig)

Ich hatte gerade begonnen darüber nachzudenken, wie seltsam die Zeit ist und dass ich ihr Verstreichen erst mit Marie kennengelernt hatte und dass mir deshalb die Zeit mit Marie wahrscheinlich länger vorkam, als all die Jahrhunderte zuvor: Was früher eine Wiederkehr war, war jetzt ein Verschwinden. Über diese Dinge dachte ich nach, als Marie plötzlich zu sprechen begann. „Er kam kurz nach dem Krieg. Er arbeitete für die Alliierten. […] Er kam hierher, um einen Bericht zu schreiben. Ich habe ihn in den Feldern getroffen. Ich war auf der Suche nach liegen gebliebenen Kartoffeln. Wir hatten Hunger, meine Mutter, die Geschwister und ich. Der Krieg war vorbei, aber die Sorgen waren es nicht. Und der Vater tot oder in Gefangenschaft. Ich musste mich um alles kümmern. Immer wenn ich durch die Felder lief, habe ich seine schmale Gestalt gesehen. Er ist oft da entlang gegangen, immer in den Abendstunden. Mit großen Schritten, die Hände hinter dem Rücken, den entschlossenen, sorgenvollen Blick in die Ferne. So habe ich ihn da gesehen. Irgendwann haben wir begonnen, uns zu grüßen. Und ein paar Tage später hat er mir im Vorbeigehen eine Dose mit Fleisch zugesteckt. Ich lief ihm hinterher, ich wollte mich bei ihm bedanken, aber er hat abgewunken. ‚Was ist schon eine Dose mit Fleisch?‘ hat er gefragt und mich dabei durch seine runden Brillengläser gemustert. ‚Für mich ist das sehr viel‘, habe ich ihm geantwortet. ‚Für mich war es das auch mal‘ entgegnete er. „unvorstellbar viel.“ Und dann schwieg er. Wir sind ein Stück nebeneinander her gegangen. Am nächsten Abend haben wir uns wieder getroffen. Da haben wir uns einander vorgestellt. ‚Ich bin Eugen‘, hat er gesagt, ‚Eugen Kogon, und wie heißen Sie?‘“

Das Lindenbäumchen im Herbst 2018 (Foto: Littig)

Und ich dachte über das nach, was sie mir vorgelesen hatte [aus dem Buch von Kogon]. So hatte ich die Menschen kennengelernt, oder nein, auch diese Seite der Menschen hatte ich kennengelernt, das Grausame, Böse, die ganze Härte. Ich hatte das bei den Gerichtsverhandlungen gehört, da war es ja immer darum gegangen, dass einer dem anderen etwas Böses getan hatte. Ihm etwas fortgenommen, ihn verletzt, eine Grenze überschritten. Und wie dann jeder versucht hatte, für sich das Beste herauszuholen. Das war das eine. Und dann hatte ich ja auch die Menschen erlebt, die dem Bösen bloß zuschauten und es so geschehen ließen. Hans war so einer gewesen. Der hatte dabei gestanden, als die anderen beiden auf den Schäfer eingeschlagen und ihn schließlich erstochen hatten. Und er hatte immer noch dagestanden, als die anderen beiden schon längst fort waren. Und als das Blut aus dem Schäfer herauslief und er seine letzten Atemzüge tat, da hatte Hans noch immer dagestanden. Und nichts getan. Und ihm auch nicht geholfen. Nicht mal seine Hand gehalten. Er hat ihn ganz allein gelassen. Damals wusste ich noch nicht so viel von den Menschendingen und es war mir nicht erstaunlich vorgekommen.  Aber jetzt dachte ich anders darüber: Dass er nicht eingegriffen hat, gut, das war das eine, aus Angst um sein eigenes Leben, ja, das konnte ich verstehen. Aber das später auch nicht geholfen hat und dass er sich schließlich einfach umgedreht hat und gegangen ist, dass er den sterbenden Schäfer bei mir hat liegenlassen, das konnte ich jetzt nicht mehr verstehen. Aber da war noch etwas: Er war allein, er war in der Unterzahl. Das konnte man ihm zugutehalten. Das Risiko war hoch. War das auch so bei Übergriffen, von denen Marie erzählt hatte? Die waren doch mitten in der Stadt gewesen, da mussten doch viele Leute gewesen sein, hätten die nicht einschreiten können? Marie hatte schon wieder angefangen zu sprechen. Waren das jetzt meine Gedanken gewesen oder ihre Worte? „Wir haben es alle gewusst“, sagte sie „wir haben gewusst, was mit Eugen Rothschild passiert ist. Sie haben Eugen Rothschild gejagt wie ein Stück Vieh, aus der Haustüre heraus und die Stufen herunter, dass er fiel. Und wir haben bloß dabei gestanden und haben nichts getan.“ Sie war von mir heruntergeklettert und auf den Boden gesprungen. Sie rannte davon. Ich hörte sie noch rufen. „Wir haben nichts getan.“ Sie rief es wieder und wieder. Und ich blieb allein zurück. Aber diesmal war sie einsamer als ich. Das wusste ich. Und ich war froh, kein Mensch zu sein.

Die Lesung an der alten Linde am 28. Oktober 2018 (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der sechsten Episode

Der Winter kam und er war kalt. Ich hatte alle Blätter abgeworfen und der Frost legte sich über meine Äste und Zweige. Und auch innerlich erstarrte ich. Das kannte ich schon, das war normal, so ging es mir in jedem Winter: Das Wasser floss langsamer und gefror, der Boden wurde hart und undurchdringlich und auch den Igel, der sich zwischen meinen Wurzeln zum Winterschlaf zusammengerollt hatte, spürte ich kaum noch. Ich wusste, er war da und schlief, aber er hatte sich so sehr seiner Umgebung angepasst, dass selbst ich ihn kaum noch wahrnehmen konnte: Er war nur noch ein schwacher Hauch, ein langsames Pochen. Aber auch um ihn musste ich mir keine Sorgen machen, ich wusste: Wenn der Frühling käme, wenn es wärmer würde, würde auch er wieder erwachen, noch leichter als zuvor, aber vollkommen unbeschadet. Aber um Marie, um sie machte ich mir Sorgen.

Die Gerichtslinde im Winter 2019 (Foto: Littig)

Sie hatte die Hände schon seit einer Weile wieder auf meinen Stamm gelegt. Diesmal meinte sie mich, da war ich mir sicher. Sie umfasste mich und legte ihr Gesicht an meine kalte Rinde. Etwas war anders. Ihr Körper war anders, nicht nur größer, daran, dass sie kein Kind mehr war, hatte ich mich ja schon gewöhnt. Nein, sie war irgendwie breiter, und runder. Und plötzlich spürte ich eine Regung, die nicht von Marie gekommen war. Und da verstand ich. Marie trug ein Kind in sich. Von Johann. Marie würde ein Kind bekommen, ein kleines Mädchen, da war ich mir sicher. Und mit diesem Mädchen würde die Geschichte von vorne beginnen. Oder sie würde weitergehen. Denn auch die Menschen können sich dem Lauf der Natur nicht entziehen, auch ihr Leben verlief in Kreisläufen. Wir waren gar nicht so verschieden. Frühling, Sommer, Herbst und Winter und die Jahreszeiten dazwischen, für die ich keine Namen hatte, weil die Menschen sich keine Namen dafür ausgedacht hatten. Wachsen und Vergehen, Geburt und Tod, alles wiederholte sich. Und Marie entzog sich dem nicht. Trotz allem Schweren und Bitteren, trotz aller Trauer und Fassungslosigkeit, die neuerdings auch in ihr waren und die von nun an unabänderlich zu ihr gehörten, ja, zu den Menschen gehörten, entzog sie sich dem Ruf dieses Lebens nicht. Ich drängte ihr entgegen, sie spürte die Bewegung meiner Rinde und erwiderte sie. Wir gehörten zusammen. Über alles hinweg, was uns trennte, gehörten wir doch zusammen. Wir gehörten derselben Natur an, derselben Welt. Demselben Dasein.

Die Linden-Lesung am 27. Januar 2019 (Foto: Littig)

„Und trotzdem“, sagte sie, „trotzdem kommt jetzt das Kind. Johann hat sich sofort gefreut. Das Leben ist jetzt an der Reihe, hat er gesagt, und wir tun gut daran, es einfach machen zu lassen.“ Sie hielt kurz inne. „Das Leben“, sagte sie dann nachdenklich, „das läuft einfach immer weiter. Das hört nicht auf. Nicht das einzelne Leben natürlich, aber das Leben an sich. Wo nimmt es bloß dieses Recht her?“ Ich sagte nichts, wir schwiegen beide: Auf eine solche Frage gibt es keine Antwort. Nach einer Weile sprach sie weiter: „Und wir haben jetzt auch ein Zuhause. Er hat den Hof seines Vaters übernommen. Der ist ja im Krieg geblieben. Und die Brüder auch. Nur Johann kam zurück.“ Sie stockte. „Und mein Vater, der ist auch wieder da. Schlimmer als jemals. Und säuft den ganzen Tag. Aber ich bin jetzt weg von da. Ich bin jetzt bei Johann. Wir haben geheiratet.“, setzte Marie hinzu. „Und seine Mutter freut sich, dass wir jetzt bei ihr sind. Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und strickt. Sie hat die alten Pullover von Johanns Brüdern aufgeribbelt und strickt daraus Sachen für das Kind. Sie sagt, dass man die Veränderungen des Lebens mitmachen muss, dass man verrückt wird, wenn man immer am Alten und Toten festhält. Dass man die Toten gehen lassen muss. Und da hat sie ja auch Recht, auf eine Weise. Aber ganz so einfach ist das dann eben doch nicht. Und von dem, was Eugen mir erzählt hat, will sie nichts wissen. Das passt nämlich nicht in diese Logik. Das passt in überhaupt keine Logik. Und deshalb bleibt das auch da. Ob Johannes Mutter will oder nicht, das bleibt einfach das. Das kann ich  nicht vergessen. Das darf ich nicht vergessen. Niemand darf das vergessen. Aber das ist genau das, was alle wollen: Vergessen. Weitermachen. Die Dinge umstricken. Wie Johanns Mutter. Aber ich kann das nicht.“ Sie schlug mit der flachen Hand gegen meine Rinde, wieder und wieder. „Ich kann das einfach nicht: vergessen.“

Am Lindenbäumchen im Winter 2019 (Foto: Littig)

Der Abend kam, es war schon dunkel. Der Wind wurde immer eisiger. Zwischen meinen Wurzeln aber war nur noch ein langsames Pochen, der Igel hatte sich wieder beruhigt. „Wenn ich das nächste Mal komme, dann wird das Kind schon auf der Welt sein“, sagte sie im Fortgehen. „Dann bringe ich es mit.“ Ich war wieder allein. Ich dachte an das Leben und wie es immer weiter geht. Ich dachte daran, dass auch ich eines Tages sterben würde. Und plötzlich wusste nicht mehr, ob mich der Gedanke beruhigen sollte oder erschrecken, dass auch nach meinem Tod das Leben noch weitergehen würde. Und da wurde mir klar, dass auch ich mich unwiderruflich verändert hatte.

Linden-Lesung im Winter (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der siebten Episode

Eines Tages trat tatsächlich jemand auf mich zu und es war nicht Marie, das wusste ich sofort. Und hätte es immer gewusst. Und hätte sie immer erkannt, egal wie schwer die Last war, die sie trug. Das wurde mir in diesem Moment klar und ich hatte es eigentlich die ganze Zeit gewusst. Und doch war da eine große Vertrautheit, ich spürte diese Verbundenheit, die ich sonst nur mit Marie gespürt hatte. Und da erkannte ich: Es war Johann und er hatte das Kind auf dem Arm. Was war geschehen, was war mit Marie? Er stand lange schweigend da, mit dem Rücken gegen meinen Stamm gelehnt. Ich spürte sein tiefes Atmen und bald auch das schnellere Atmen des Kindes. Und da war der Herzschlag der beiden. Zuerst hörte ich nur seinen, ruhig und kräftig, und dann auch den des Kindes, ein leichtes Pochen, ein Hauch, kaum wahrnehmbar. Aber doch, es war da. Eindeutig. Regelmäßig. Und das war die Verbundenheit, die ich gespürt hatte. Die Verbindung zu Marie. Das Schlagen dieser beiden Herzen vermischte sich mit dem Rauschen des Wassers in meinen Adern zu einem einzigen Geräusch. Dem Rhythmus des Lebens. Ich hörte nur das, sonst hörte ich nichts mehr: Nicht das Trappeln des Igels, kein Vogelzirpen, nicht einmal den Frühlingswind und wie er durch mich hindurchfuhr nahm ich noch wahr

Die Linde im April 2019 (Foto: Littig)

Ich wollte das Johann gerne sagen, ich wollte ihn bitten, mir das Kind kurz zu geben, ich hätte es gerne einmal gehalten. Er müsste sich keine Sorgen machen, es würde mir nicht herunterfallen. Damals war ich noch stark, das Leben pulsierte in mir, es floss von der tiefsten Wurzel bis hinein in die äußersten Spitzen meiner Äste und Blätter – und ich hätte es mir auch nicht anders vorstellen können. An Schwäche, an Sterben und Vergehen dachte ich noch lange nicht. Jeder Frühling erschien mir wie ein neuer Anfang. Das ist gar nicht lange her und schaut mich jetzt an. Kaum, dass ich noch erwache aus dem Winter. Kaum, dass noch ein paar Blätter sprießen. Es ist nicht mehr viel von mir übrig. Wer würde mir jetzt noch sein Kind anvertrauen? Doch damals war das anders. Ich spürte die unbändige  Kraft des beginnenden Lebens in mir. Und ich überwand mich schließlich. „Johann“, sagte ich „gib mir das Kind. Ich möchte es kurz halten und spüren.“ Er zuckte nicht zurück, er erschrak nicht, als er meine Stimme hörte, als hätte er es schon längst gewusst, als hätte er nie gezweifelt, dass man mit einem Baum sprechen kann. Und Antwort bekommt. „Hier“, sagte ich und streckte zwei meiner stärksten Äste nach unten, „leg es da hinein. Ihm wird nichts geschehen.“ Und da legte er das Kind in meine Äste, ohne zu zögern, und ich empfing es und schloss zärtlich meine Zweige um es. Und da stand ich nun, ich großer, jahrhundertealter Baum mit diesem winzigen Menschenkind. Ich spürte seine Kleinheit und Leichtigkeit, seinen Herzschlag und auch wie weich seine Haut war. Wie dünn und zart. Es war mein absoluter Gegensatz. Und auch wieder nicht. Teilten wir doch mehr, als nur unsere Verbundenheit mit Marie: Die Bedingungslosigkeit alles Lebendigen. Und doch: Es kam mir tausendmal kleiner vor als noch der winzigste Igel nach dem Winterschlaf. Leichter als ein Einzelnes meiner Blätter. Ich wiegte es sacht hin und her. Das Kind machte kleine Töne. Am liebsten hätte ich es nie mehr hergegeben.

Und da dachte ich, dass ich auch gerne ein Kind hätte. Etwas Kleines, das ganz aus mir gekommen wäre, das ich hätte umsorgen, um das ich mich hätte kümmern können. Und ich dachte weiter, dass es doch schön wäre, wenn jemand bliebe und etwas von mir wüsste, während ich selbst irgendwann gehen müsste. Dass der von mir erzählen könnte und von allem, was ich erlebt und gesehen, ja, was ich getan hatte. Dass der dem Worte geben könnte, wofür ich keine Worte gehabt hatte. Und da dachte ich eben doch an Tod und Vergehen.

Saskia Hennig von Lange bei der Linden-Lesung im Frühling (Foto: Littig)

Das waren Menschengedanken, natürlich, so etwas hatte ich zuvor noch niemals gedacht. Ich hatte mich zuvor noch nie gefragt, was von mir bleiben könnte, wenn ich einmal fort wäre und wer dann noch an mich denken würde. Denn das Vergehen, das Sich-Verändern und schließlich Verschwinden, Nahrung für einen anderen zu werden, die eigene Form zu verlieren, das gehört ja zum Leben eines Baumes unabänderlich dazu, dass das Dichte und Schwere zu etwas Leichtem und Zerstreuten wird. Jedes Jahr werfe ich meine Blätter ab, selbst jetzt noch, wo es nur so wenige sind, damit sie einen anderen nähren und ihm Schutz bieten. Eine solche Veränderung gehört zum Leben, sie ist das Leben. Auch das menschliche. Aber die Menschen wollen das lieber vergessen. Die meisten zumindest – und ich wollte das in diesem Moment auch. Die Menschen wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Als gäbe es das überhaupt, einen Zustand, dem keine Veränderung vorausgegangen ist. Dem keine nachfolgt. Was wäre das, ein solcher Zustand? Eine Selbstvergessenheit der Zeit. Eine Gegenwart, die immer gegenwärtig bliebe. Was sie dabei aber vergessen ist, dass auch sie selbst einmal nicht da waren. Dass es ihn nicht gab, diesen Kopf, mit dem sie jetzt alles erinnern und speichern wollen. Nicht die Füße, mit denen sie davonlaufen vor dem Tod. Und auch nicht die Hände, mit denen sie versuchen, an allem festzuhalten und alles zu reparieren. Selbst mich versuchen sie die ganze Zeit zu reparieren. Erst gießen sie eine Masse in mich hinein, eine Masse, die mir die Luft abschnürt und das Wasser, die in mir erstarrt und mich zum Erstarren bringt, härter als der Boden im Winter, undurchdringlicher als jeder Frost. Und als ich beginne, damit zu leben, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, davor zurückzuweichen, so gut es mir eben möglich ist, da klopfen sie alles wieder heraus und lassen die Höhlung offen stehen. Zwingen mich aber zugleich in eine enge Hülle, bohren in mich hinein, stützen und füttern mich. Und kaum habe ich mich davon erholt, da kommen sie mit ihren Baggern und Schaufeln und hacken mir die Wurzeln ab. Und davon habe ich mich nicht mehr erholt, davon werde ich mich nie mehr erholen. Und das haben die Menschen mit ihrem Eingreifen getan.

Aber selbst jetzt sind sie nicht bereit, den Lauf der Dinge zu akzeptieren. Immer und überall greifen sie ein. Sie sind einfach nicht in der Lage, die Hände in den Schoß zu legen und die etwas geschehen zu lassen. So, wie sie ja auch mich nicht in Ruhe lassen. Selbst jetzt noch, wo kaum etwas von mir übrig ist. Immer wieder kommt jemand, legt seine Hand an mich, legt Worte in mich hinein, die ich so niemals denken würde. Ich bin ein Baum, kein Mensch. Vergesst das nicht in Euren Köpfen!

Doch an all das dachte ich noch nicht, als ich da stand, mit Maries Kind zwischen meinen Ästen. Und Johann neben mir. Von all dem wusste ich noch nichts. Da dachte ich bloß an Marie und spürte das Kind so nah bei mir, seinen Atem, seinen Herzschlag, die Wärme seiner Haut. Der Frühlingswind strich über uns beide hinweg und es regte sich sacht. Johann legte die Hand auf Brust und Bauch des Kindes und ich schloss die Zweige etwas enger um es. Und so standen wir drei, jeder von uns auf andere Weise in Gedanken an Marie vertieft. Und auch, wenn ich jetzt davon erzähle, als könnte man das, als wäre die Sprache das richtige Transportmittel für diesen Zustand, für dieses Erleben, so war sie das in diesem Moment nicht. Wir drei standen um die Grenze herum, die das Sagbare vom Unsagbaren trennt. Keine Worte, keine Stimme, nur das Tönen des Kindes und der Wind, der über uns hinwegging. Die Weite der Ebene, die uns umschloss. Wir standen vor der Sprache. Jeder an einem anderen Punkt und doch vereint in diesem Wissen, das kein Wissen war, denn es kam ohne Worte aus. Und seitdem waren wir verbunden. Das Kind, Johann und ich. Und was uns zusammenschnürte, war jene eigentümliche Erfahrung, die Marie uns geschenkt hatte.

Die alte Gerichtslinde bei der Lesung im Frühjahr 2019 (Foto: Littig)


Kontakt

Wer Saskia Hennig von Lange seine Geschichte zur Linde erzählen will, erreicht die Autorin unter: ed.xm1569162391g@les1569162391rureb1569162391o.mua1569162391bnedn1569162391il1569162391.

Ort

Das Lindenbäumchen befindet sich in der Feldgemarkung. Es ist nur zu Fuß und mit Fahrrad zu erreichen! Parken können Sie im Bereich der Freiligrathstraße/Bleibiskopfstraße und spazieren dann etwa 15 Minuten zum Lindenbäumchen.

Termine

Vier Mal im Jahr – ungefähr zu den Wechseln der Jahreszeiten – wird Saskia Hennig von Lange weitere Episoden vor Ort vortragen. Die nächste Lesung steht schon fest: Sie findet am Sonntag, 18. August 2019 (Achte Episode) um 15.00 Uhr statt und ist kostenfrei. Für Getränke und Kuchen ist gesorgt!