Lindenbäumchen

Der Baum denkt

Zur Einweihung des prämierten Regionalparkprojekts „Lindenbeemsche“ des Frankfurter Künstlerteams Winter/Hoerbelt am Samstag, 7. Oktober 2017 um 15:00 Uhr, las Saskia Hennig von Lange die erste Episode ihrer Geschichten aus Sicht der über 400 Jahre alten Mittelstedter Gerichtslinde.

Aufbau der Vitrine des Frankfurter Künstlerteams Winter/Hoerbelt durch die Metallmanufaktur Velte (Foto: Anja Littig)

Saskia Hennig von Lange erzählt aus der langen Lebenszeit des Baumes. Er erinnert sich an Gerichtsverhandlungen, Liebesschwüre, Kinderspiele, Missernten… Der Baum wird dabei als eigenständiges Wesen gesetzt, das empfinden, hören, wahrnehmen und in menschlichen Begriffen denken kann.

Die Gerichtslinde im Jahr 1968 (Foto: Manfred Dittmann)

Der Text wird über die zweijährige Dauer des Projekts immer weiter geschrieben und verändert sich dabei natürlich. Die erzählten Geschichten können einen realen Hintergrund im kollektiven Gedächtnis des Ortes haben, genauso ist es aber möglich, dass sie frei erfunden sind oder sich auf bereits bestehende Natur-Dichtungen beziehen oder diese zitieren. Die einzelnen Geschichten wechseln mit dem Wechsel der Jahreszeiten und werden viermal im Jahr von der Autorin selbst vorgetragen. Hennig von Lange möchte bei diesen Lesungen mit den Oberurselern ins Gespräch kommen und sich deren eigene, mit der Linde verbundenen Geschichten erzählen lassen, die dann wiederum Eingang in den sich immer weiter schreibenden Text finden können. Gerne können auch Fotos oder Zeichnungen zur Veranstaltung mitgebracht werden. Außerdem liegt ein Gästebuch aus.

Ziel ist es, ein textliches Gewebe aus realen und erfundenen Geschichten und Ereignissen zu erschaffen, das seinerseits (durch den regelmäßigen) Vortrag wieder in die mündliche Geschichte des Ortes übergehen kann.

Die Gerichtslinde im Jahr 1938 (Foto: Fröhlich)


Der Baum denkt

Auszüge aus der ersten Episode

Ich stehe hier sicher und fest. Ich habe noch ein paar Äste, durch die der Wind fahren kann und das fühle ich auch. Einige Blätter sind auch dieses Jahr noch da und ich lasse sie jetzt fallen, wie ich das schon immer getan habe. Und noch immer bin ich ein Unterschlupf für Vögel und andere Tiere. Es kann sich nach wie vor jemand verstecken in mir und seine Geheimnisse bei mir lassen. Es kann sich jemand an meinen trockenen Stamm lehnen. Etwas in meine Rinde ritzen, das fühle ich, aber das tut mir nicht mehr weh. Und das passiert sogar ab und an, das passiert seit hunderten von Jahren und das geschieht jetzt auch noch. Ich stehe hier schon lange genug. Ich konnte mir ein paar Begriffe von den menschlichen Dingen machen. Und wenn sich jemand Zeit nimmt und ein bisschen bei mir stehen bleibt, wenn der genau hinhört, dann habe ich ihm ein paar Dinge zu erzählen. So, wie ich sie ihr damals erzählte.

Die Gerichtslinde im Jahr 2017 (Foto: Littig)

Einmal, die Kinder spielten in meinem Schatten Nachlaufen, dröhnte die Stimme eines Mannes weit über das Feld. Ich hatte diese Stimme schon ein paar Mal gehört, in diesem Sommer und auch im Jahr davor. Sie gehörte irgendwie zu dem Mädchen. War das Mädchen da, dann kam auch bald die Stimme und holte sie weg. Und auch jetzt war es so, dass diese Stimme nach dem Mädchen suchte. Die anderen Kinder liefen schnell davon, ganz leise, kein Geschrei und Gejohle diesmal. Nur das Rennen auf dem Feldweg und das schnelle Atmen der Kinder. Ein unterdrückter Schrei, ein Kichern, die Hand vor dem Mund. Dazwischen die harte Stimme des Mannes, sie kam näher, wurde immer lauter, drohte und fluchte. Und plötzlich war da ihr warmer Körper und wie er sich an mich presste. Ein Paar kleine Hände, wie sie einen der unteren Äste umfassten und Füße, die sich gegen meinen Stamm drückten. Das Mädchen kletterte immer höher und höher, weit in meine Krone hinein, die damals noch dicht und grün war, denn das ist schon lange her. Ich half ihr, so gut ich konnte, schob sie sacht vorwärts und schloss meine Blätter eng um sie. Unten der Mann schrie und schrie, aber er wagte sich nicht hinauf in mein dichtes Grün. Irgendwann gab er auf und ging, fluchend und schimpfend. Das Mädchen aber blieb. Und es blieb die ganze Nacht.

Die Gerichtslinde und ihre jüngere Schwester im Jahr 2017 (Foto: Littig)

„Gut“, ihre Stimme klang immer noch tiefer und ein bisschen rau, etwas hatte sich verändert, „dann erzähl mir jetzt die ganze Geschichte.“ Das musste ich wohl tun, denn dieses Mädchen bedeutete mir etwas, das wusste ich damals schon. Und diesmal sollte es anders sein. Diesmal sollte die Geschichte gut ausgehen. Ich raffte mich also auf. „Ein paar Wochen später, der Schäfer und auch die Schafe hatten sich beruhigt, das spürte ich und das lag auch daran, dass er nun nicht mehr alleine hier war, sondern dass immer noch ein, zwei andere Männer bei ihm waren, kamen die Angreifer zurück. Sie waren wieder gut ausgerüstet, aber sie hatten nicht mit Gegenwehr gerechnet. Es kam zu einer heftigen Schlägerei. Diesmal hatten sie es besonders auf den Schäfer abgesehen. Sie zerrten ihn hier unter mich und wollten ihn wohl wieder fesseln, aber er wehrte sich mit Händen und Füßen. Sie schlugen und traten auf ihn ein und plötzlich hatte jemand ein Messer in der Hand und rammte es ihm in die Brust.“ Ich schwieg lange. „Er lag hier, unter mir, als er starb.“ Sie war nach unten gesprungen und saß jetzt an genau der Stelle, an der damals der Schäfer gelegen hatte. Ich hätte gern eine kleine Pause gemacht, aber ich wusste, ich musste das jetzt zu Ende bringen. „Sie hatten auch drei seiner Schafe erstochen und sie hier herüber geschleift. Er starb zwischen seinen Schafen. Alles war voller Blut.“ Sie hatte sich hingelegt und die Arme ausgebreitet, sie schaute zu mir nach oben. „Es ging noch lange hin und her bis sie die Weiden endgültig aufteilten. Aber so schlimm wie an diesem Abend wurde es nie mehr.“ Sie war aufgestanden und lehnte an meinem Stamm. „Und Du hast ihm nicht geholfen.“ „Nein, das habe ich nicht. Und das tut mir sehr leid.“ Lange schwieg sie, dann sagte sie: „Ich kann Dich verstehen. Manchmal steht man dabei, wenn etwas Schlimmes passiert und man weiß schon, dass es schlimm ist und man tut trotzdem nichts. Und dann liegt man hinterher im Bett und kann es sich nicht verziehen.“ Sie war ein paar Schritte von mir weggegangen. „Heute Nacht bleibe ich nicht hier, heute Nacht schlafe ich Zuhause.“ Das verstand ich gut und doch wollte ich noch etwas sagen, etwas von ihr wissen. „Menschen haben doch Namen, das weiß ich, sie geben allem Namen, auch mir. Und auch Du hast sicher einen.“ „Ja“, sagte sie, „ich heiße Marie.“ Damit drehte sie sich um und ging fort, aber ich war sicher, sie würde wiederkommen.


Der Baum denkt

Auszüge aus der zweiten Episode

Der Winter war stürmisch und ich hatte es mir angewöhnt, jedes Mal ihren Namen zu rufen, wenn die Böen durch meine Äste fuhren. Ganz leise, nur so laut, dass ich selbst es hören konnte. Sonst war ja auch niemand da. Aber eines Tages kam sie doch. Es war schon fast dunkel und ich hörte ihre Schritte im Schnee. Sie ging langsam, sie kam direkt auf mich zu und legte ihre kleine, warme Hand auf meine Rinde. Sie fuhr sachte darüber. Sie sagte nichts, aber ich wusste, dass sie es war. Wir schwiegen beide eine Weile, ich wusste nicht recht, wie anfangen und es war ja auch schon so lange her, dass ich in Menschensprache gesprochen hatte. Ich musste mich erst wieder darauf besinnen. Schließlich sagte ich: „Du warst lange fort.“ „Ja“, antwortete sie, „es gab viel zu tun Zuhause.“ Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Und ich musste nachdenken. Über dich. Über mich. Über diese Sache mit dem Schäfer.“

Die Gerichtslinde in ihrem neuen Rahmen (Foto: Littig)

Sie hatte sich wieder an mich gelehnt und klopfte mit der flachen Hand ein paar Mal gegen meinen Stamm. „Komm schon, erzähl weiter.“ Also gut. „Nach den ganzen Befragungen schien dem Blutrichter die Sache klar zu sein. Er begann, das Urteil zu verkünden. Und wie ich es schon befürchtet hatte, sollten alle drei gehängt werden. Das konnte ich nicht zulassen. Und so nahm ich meine Kräfte zusammen und bündelte sie in diesem Ast, auf dem du jetzt sitzt und der damals zwar auch schon stark, aber noch jung und biegsam war und ließ ihn auf die versammelte Gerichtsbarkeit niedersausen.“ Sie hielt den Atem an und rückte noch etwas näher an den Stamm heran. „Und dann, was passierte dann?“ Sie stockte. „War der Richter tot?“ „Nein, ich hatte niemanden getroffen, der Ast war genau zwischen dem Richter und den drei Angeklagten auf den Boden geschnellt. Ein Raunen ging durch die Zuschauerreihen. Die Leute wussten schon, dass dies etwas zu bedeuten hatte und dass der Richter ein solches Eingreifen der Natur nicht einfach übergehen konnte. Mich packte der Übermut und ich schlug noch einmal zu. Die Leute verstummten und ich ließ meinen Ast ein drittes Mal auf den Boden sausen. Alles war still, niemand rührte sich. Der Wind fuhr durch mich hindurch und ich stand da, wie zuvor. Bis die dünne Stimme einer alten Frau ertönte: „Gottesurteil“ rief sie, wieder und wieder, nur dieses eine Wort: „Gottesurteil“.

Vor der Lesung (Foto: Littig)

Und irgendwann reichte es mir, ich hatte es selbst nicht voraus gesehen. Eine alte Frau war zu mir gekommen, ein harmloses Mütterchen. Sie hatte mich gefragt, ob ich etwas für das Seelenheil ihres Mannes tun könne. Er war in diesem Herbst gestorben. Ich stand da wie immer, hielt es aus, dass ich es kaum noch aushalten konnte und wartete, bis sie wieder verschwand. Aber etwas war anders. Und als sie nicht aufhörte, immer weiter auf mich einredete, mich schließlich anflehte mit ihrer dünnen Stimme, da ging ein Zittern  durch meine Äste, das nicht vom Wind kam. Und dieses Zittern hörte nicht mehr auf. Es schwoll an, wurde stärker und stärker. Ein mächtiges Beben hatte mich erfasst, ich riss meine Äste empor und schleuderte sie alle zugleich zu Boden, ein Heulen und Stöhnen entfuhr mir und auch das alte Mütterchen hatte jämmerlich zu schreien begonnen. Ich tobte und wütete, die Erde bebte, selbst meine Wurzeln waren in Aufruhr. Es war ein fürchterlicher Kampf, es dauerte einen Tag und eine ganze Nacht. Die gesamte Ortschaft hatte sich um mich versammelt. Aber ich achtete nicht darauf. Ich war völlig aufgegangen in dieser wilden Bewegung, es fühlte sich schrecklich an und schön zugleich und heute denke ich, dass es sich vielleicht so anfühlt, ein Mensch zu sein. Immer diese Unruhe und dass man nicht ablassen kann davon. Doch am Morgen hörte es langsam auf, die Zuckungen wurden weniger und weniger und dann stand ich wieder da wie zuvor, auch wenn ich viele Blätter und Zweige und auch ein paar größere Äste verloren hatte. Ab und an zitterte ich noch und eine meiner Wurzeln war in mein Inneres gerutscht, da sitzt sie heute noch und kitzelt mich und weckt manchmal die Sehnsucht nach einer solchen wilden Bewegung.

Während der Lesung (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der dritten Episode

Der Frühling kam und mit ihm die Tiere. Ich war nicht allein, das war ich nie gewesen, aber sie fehlte mir doch. Und Marie hatte ja auch gesagt, dass sie bald wieder kommen würde. Wo blieb sie also? Ich lauschte nach ihr. Über das Vogelgezwitscher und Rascheln der Tiere hinweg, durch Wind und Regen, wollte ich nur ihre Stimme hören. Die anderen Menschen und Kinder kamen und gingen, ich hörte sie lachen und ihre Lieder singen, doch ich dachte nur an Marie. An ihre kleine Gestalt und wie sie so streng war und klar. An nichts anderes mehr konnte ich denken als an sie. Meine eigene Ungeduld quälte mich mehr als ihr Fortbleiben. Diese Ungeduld saß in mir wie meine verrutschte Wurzel und piekte und kitzelte mich die ganze Zeit. Ich konnte nichts anderes mehr spüren als diese Unruhe und meine Sehnsucht nach Marie. Ich veränderte mich und bemerkte das auch und konnte doch nichts dagegen tun. Und dann kam sie. Als ich schon kaum noch damit rechnete, hörte ich plötzlich ihre schnellen Schritte und ihre raue Stimme zwischen dem Lärmen und dem Geschrei der anderen Kinder. Sie war wieder da und hatte mich nicht vergessen. Die Kinder spielten irgendein wildes Spiel, sie tobten und johlten unter mir, sie kletterten auf mich hinauf, schlugen auf meinen Stamm, banden ein Seil um mich – das alles störte mich nicht, spürte ich doch zwischendurch immer wieder Maries Hand und wie sie über meine Rinde fuhr.

Die Linde im Mai 2018 (Foto: Littig)

Sie konnte gar nicht aufhören zu lachen, aber er war immer noch da. „Natürlich finden wir heute nicht heraus, wer wir sind. Wer weiß das schon? Aber wir könnten einen Anfang machen.“ „Gut“, sagte er und setzte sich wieder hin, die Beine lang im Gras, „dann erzähle“. Ich spürte den leichten Druck bis hinunter zu meinen Wurzeln. Und es drückte auch in meinem Inneren. Denn er war frei. Er konnte entscheiden, ob er bleiben wollte oder gehen. Und er blieb. Jetzt war es an ihr. Sie schwieg lange, immer noch gegen meinen Stamm gelehnt, ihre Finger fuhren sacht über meine Rinde, ich hielt dagegen. Schließlich begann sie: „Ich heiße Marie. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und den Geschwistern in einem kleinen Haus. Wir haben nur ein Zimmer, in dem wir alle schlafen. Ich teile mir das Bett mit meinen beiden Schwestern. Ich bin die Älteste.“

Während der dritten Lesung (Foto: Littig)

Die beiden hatten wieder zu sprechen begonnen. Er klang aufgebracht. Ich hatte wohl etwas verpasst. „Was ist schon besonderes an einem Baum? Schau dich um, wie viele Bäume hier stehen. Da hinten beginnt der Wald.“ Marie schwieg. „Dieser Baum ist sogar ganz besonders langweilig. Alle Liebespaare kommen hierher. Sieh dir seinen Stamm an: Bis hinauf ist er voll mit Herzen und Liebesschwüren. Das soll etwas Besonderes sein?!“ Er war aufgestanden. Was würde Marie jetzt sagen? Einerseits wünschte ich mir, dass sie mich verteidigte, natürlich. Andererseits war das mittlerweile unser Geheimnis. Niemand sonst wusste davon, mit niemandem sonst sprach ich. So sollte das auch bleiben. Marie schwieg noch immer. „Da fällt dir nichts mehr ein, was?“, blaffte er,  „So seid ihr doch alle, hier ein Geheimnis, da ein Gewese und am Ende steckt nichts dahinter. Komm zu mir, wenn Du mir etwas Interessantes zu erzählen hast!“ Ich hörte seine harten Schritte und wie sie sich entfernten. Und ich hörte Maries Atem, er ging schnell, sie hätte sicher gerne etwas erwidert. Doch was hätte sie schon sagen können, ohne uns zu verraten und ohne als Verrückte dazustehen?

Die Gerichtslinde und ihr Rahmen im Frühling 2018 (Foto: Littig)


Der Baum denkt

Auszüge aus der vierten Episode

Der Sommer kam und mit ihm die Hitze. Selbst in den Nächten kühlte es kaum ab. Eine solche Hitze hatte ich in all den Jahren selten erlebt. Der Boden trocknete aus und es wurde immer schwerer, Wasser bis hinauf in meine Krone und in die Spitzen der Blätter zu saugen. Mein Körper verdorrte langsam und ich war vollauf damit beschäftigt, ihn am Leben zu halten. Ich hatte den Eindruck, das Summen, das das Saugen und Ziehen in meinen Adern erzeugte, war weit über die Felder zu hören. Ich ging völlig auf in diesem Summen und Tönen und in dem Bemühen, das Wasser aus immer tieferen Schichten nach oben zu bringen. Immer lauter und lauter wurde es in mir und um mich herum. Als hätte sich dieses Summen und Tönen vollständig von mit abgelöst. Als hätte es mir oder jemand anderem etwas Dringendes zu sagen.

Die Gerichtslinde im Sommer 2018 (Foto: Littig)

Und endlich kam der Regen. Ich hatte ihn erst gehört und dann stürzte er vom Himmel. Es regnete und regnete und ich merkte, wie meine Kraft zurückkehrte. Das Wasser strömte ganz von selbst durch mich hindurch, durch meine Wurzeln und meinen Stamm bis weit hinauf noch in die obersten Äste und Zweige, bin hinein ins das letzte Blättchen. Auch das seltsame Getöse hatte nachgelassen. Da war nur noch das Geräusch des Regens und in mir ein sattes, ruhiges Strömen. Es war Nacht und ich fühlte mich erfrischt und auch das Summen hatte nachgelassen. Und da hörte ich ihre Schritte, ich erkannte sie schon von weitem an den Erschütterungen des immer noch trockenen Bodens. Sie kam schnell auf mich zu. „Ich wollte nur sehen, ob bei Dir alles in Ordnung ist.“

Bei der Lesung der vierten Episode im August 2018 (Foto: Littig)

Die Zeit verging und Marie kam nicht mehr. Als hätte ich sie im Stich gelassen, als wäre ich fortgegangen von ihr. Sie kam nicht und deshalb konnte sie auch nichts von Johanns Botschaft wissen, die noch lange in meiner Rinde brannte. Viel länger und stärker als die anderen Liebesnachrichten. Die Zeit verging und mit ihr der Krieg, das Heulen schwoll an und nahm wieder ab, Bomben fielen, Menschen kamen und gingen, doch niemand blieb länger bei mir. Niemand sprach mit mir und so konnte ich auch zu keinem etwas sagen. Aber was hätte das auch sein können, was wusste ein Baum schon vom Krieg? Der Gedanke an Marie saß fest in mir wie die Buchstaben auf meiner Rinde. Er war immer da, ich konnte nicht mehr von ihm lassen. Hoffentlich ging es ihr gut, hoffentlich geschah ihr nichts in diesem Krieg. Es wurde Herbst und Winter. Und dann kam ein neuer Sommer. Und noch einer. Und ein Frühling. Ich war wieder ganz in meine bäumische Natur zurückgekehrt. Nur der Gedanke an Marie stach und juckte mich. Wie meine verrutschte Wurzel, wie das Mal auf meiner Haut. Jede Begegnung mit ihr hatte eine Spur hinterlassen.

Das Lindenbeemsche im Sommer 2018 (Foto: Littig)


Kontakt

Wer Saskia Hennig von Lange seine Geschichte zur Linde erzählen will, erreicht die Autorin unter: ed.xm1542490681g@les1542490681rureb1542490681o.mua1542490681bnedn1542490681il1542490681.

Ort

Das Lindenbäumchen befindet sich in der Feldgemarkung. Es ist nur zu Fuß und mit Fahrrad zu erreichen! Parken können Sie im Bereich der Freiligrathstraße/Bleibiskopfstraße und spazieren dann etwa 15 Minuten zum Lindenbäumchen.

Termine

Vier Mal im Jahr – ungefähr zu den Wechseln der Jahreszeiten – wird Saskia Hennig von Lange weitere Episoden vor Ort vortragen. Die nächsten Lesungen an der Linde stehen schon fest: Sie finden am  12. August und am 28. Oktober jeweils um 15.00 Uhr statt und sind kostenfrei.